Taiji soll weich und geschmeidig sein, ohne Kraft und Muskeln funktioniert das ganze aber nicht. Wichtig dabei ist, dass dies im richtigen Kontext verstanden und umgesetzt wird. Es geht nicht um permanent angespannte und übertrainierte Muskeln, aber auch nicht um schlappe und zurückgebildete, sondern um deren effiziente Ansteuerung.
Im Chen Stil ist Partnerarbeit ein wichtiger Bestandteil des Trainings um die Stabilität und optimale Ausrichtung der Körperstruktur zu testen und schulen. Da kann es schnell mal auch zu intensiverem Austausch kommen wo mehr Muskelkraft als im standard Form Training gebraucht wird. Dies ist nicht gut oder schlecht, einfach eine andere Ebene auf der man sich bewegt. Wichtig ist dabei, wie diese Kraft und die Muskeln eingesetzt werden.
Li als lokale rohe Kraft
Li wird oft als lokale und/oder rohe Kraft angesehen. Ein stark angespannter Muskel, welcher das Bewegen der Gliedmassen eher hindert als fördert, kann rohe Kraft am besten verbildlichen. Damit verbunden ist, umso grösser der Muskel umso bessere Kraft oder umso mehr Anspannung umso stärker.
Li hat für mich eher was elastisches, was ermöglicht die Muskeln gut zu kontrollieren. Es ist ein anspannen der Muskeln nur soweit wie notwendig. Aber dies ist meine persönliche Ansicht und meistens wird im Taiji Kontext eher rohe lokale Kraft, wie vorher beschrieben, gemeint. Was das ganze verfeinert und ein verbindendes Element ist, ist Jin, die geführte Kraft, aber darüber habe ich schon geschrieben und soll nicht Bestandteil dieses Artikels sein.

Ohne Muskelkraft geht es nicht
Als ich mit Taiji im Chen Stil angefangen habe, war das ganze Kraft und Muskelanspannung Thema sehr verwirrlich für mich. Zum einen ging es um Stabilität und Verwurzelung, zum anderen, soll keine Kraft dafür Energie angewendet werden. Jede und jeder hatte da so seine eigen Vorstellung davon, aber die Ungewissheit blieb.
Dies änderte sich grundlegend als ich bei Nabil in der CTND angefangen habe zu trainieren, wo Kraft als ein wichtiger Teil im Training angsehen wird. Es geht aber um verbundene Kraft und ein optimales Zusammenspiel der Muskeln und deren Ansteuerung. Das starke Anspannen einzelner Muskel um eine Bewegung möglichst kraftvoll zu machen ist dabei nicht gemeint. Es ist eher kontraproduktiv, da zu fest angespannte Muskeln schnell blockieren als unterstützen. Die Idee ist, dass die Kraft effizient eingesetzt wird und niemals die Körperstruktur bricht, weil sich dann Kraft entwickeln kann und auch expandiert. Darum werden kräftigende Übungen wie mit dem Taiji Bang oder mit dem Langstock immer mit spraligen und ganzheitlichen Bewegungen ausgeführt und nicht nur einzelne Muskeln trainiert.
Peng, die Expansionskraft in jeder Bewegung
Im Chen Stil ist die Peng Kraft (oder auch Energie) ein ständiger Begleiter im Training. Sie zu verstehen ist nicht schwierig, aber es ist wichtig, dass sie den Übenden gut erklärt wird. Als ich mal bei einem Push Hands Austauschtreffen mit machte, wo ich der einzige Chen Taiji Mensch war, wurde meine Körperhaltung und Bewegung sehr schnell als angespannt und hart angesehen. Als ich den Leuten jeweils zeigte, dass meine Gelenke offen sind, die Oberarmmuskeln im Vergleich zur Stabilität, sehr entspannt, und, dass ich die Bewegung mit vollem Körper machte, gab es oft ein "Aha". Nicht bei allen, aber die meisten erkannten Peng und das Strukturprinzip dahinter.
Peng ist dabei das zentrale Element und enorm wichtig. Aber es kann auch sehr schnell falsch verstanden werden. Es ist eine ausgerichtete Körperstruktur, welche auf den Kontaktpunkt orientiert ist und eine expandierende Qualität hat ohne die Muskeln dabei übermässig anzuspannen. Sie wirken eher unterstützend. Ein gutes Beispiel dafür sind Frauen, welche eine schwere Last nur auf dem Kopf tragen. Die haben Peng nach oben, weil sonst die Last irgendwo an einem Punk gestaut wird. Mit Peng verteilt sich diese gleichmässig auf Muskeln, Sehnen und den passiven Bewegungsapparat. Im Taiji hat man nicht nur Peng im Lot, sondern bis in die Arme und Beine.

Effizienz in der Bewegung
Bei mir im Training verwende ich immer wieder das Wort "effizient". Wir wollen uns so kraftvoll aber schonend und optimal Bewegen wie möglich. Im Alltag benötigen wir immer wieder Kraft, sei es bei der Arbeit, Haushalt oder Hobby. Wichtig dabei ist, nur so viel Kraft wie nötig und richtig zu verwenden, das zu optimieren ist so spannend im Taiji. Die sich entwickelnde Sensibilität dafür, wie viel Kraft wo eingesetzt wird, ist ein kostbarer Schatz, der mit kontinuierlichem Taiji Training wächst und ein neues, feines Körpergefühl entstehen lässt.
