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Bewusstes Gehen im Wald

Taiji Walking ist im Moment in aller Munde und es kursieren viele Artikel und Videos, die aufzeigen welche körperlichen Verbesserungen es in kurzer Zeit liefert. Es ist sicherlich eine sehr gute Sache nur will ich da ein paar Dinge aus Sicht eines Taiji Lehrers relativieren.

Bei meinem letzten Taiji Einführungskurs, fragte mich eine Teilnehmerinn ob wir auch Taiji Walking machen. Sie werde im Moment auf Social Media regelrecht damit überflutet. Da ich den Trend nicht kannte, antwortete ich ganz verdutzt, dass wir schon Elemente haben wo wir laufen aber nicht in diesem Kurs. Das weckte meine Neugier, und ich machte mich auf die Suche danach, was genau damit gemeint ist.

Der Trend

Taiji Walking gibt es schon länger, mit diesem Artikel in der New York Times bekam das ganze jedoch einen richtigen Boost. Dabei geht es um Gehen, mit einer lngsamen und bewussten Gewichtsverlagerung im Zusammenspiel mit weiteren Aspekten wie Fokussierung oder Atmung. In viele Videos werden zwei Gewichtsverlagerungen ausgeführt und dazwischen wird der Fuss nach aussen gedreht bevor er angehoben wird. Es ist ein Form Element aus der 24er Yang Form und heisst "Die Mähne des Wildpferdes teilen" (was wir auch im Chen Stil haben, nur machen wir die Bewegungen anders).

Bewusstes Gehen

Oft ist es so, dass wir uns über Jahre nicht gross um das Laufen gekümmert haben, es funktionierte einfach. Mit der Zeit merken wir aber durch Fehlbelastungen, schwinden der Muskeln oder Verletzungen den Verschliess an den Gelenken, weil sie das Tragen des Körpergewichtes kompensieren. Schmerzen in Hüfte, Knien, Füssen oder sogar in der Wirbelsäule und Nacken sind oft die Folge davon.

Bewusstes Gehen, kann diesen Prozess verlangsamen und vielleicht auch Stoppen, indem wieder gelernt wird, was eine ausbalancierte Gewichtsverlagerung ist, bei der nicht ein grosser Teil der Bewegung von den Gelenken abgefedert werden. Ein Verbessern der Laufökonomie wird dadurch erreicht. Faktoren wie Entspannung, Loslassen und Erdung spielen dabei eine wesentliche Rolle. Das wieder zu Erfahren kann eine positiven Einfluss auf die Lebensqualität mit sich bringen.

Rückwarts laufen

Taiji Walking ist ein Teil des grossen ganzen

Im Taiji selber sind bewusste Bewegungen der Kern des Systems. Die Pfeiler davon sind eine ausgerichtete Körperstruktur und natürliche Bewegungsmechanik. Ob man dabei geht, nur Gewichtswechsel macht oder Bewegungen im Oberkörper ausführt ist eigentlich egal. Die Verbundenheit und das Zusammenspiel der Knochen, Muskeln, Sehnen und Faszien spielen dabei eine elementare Rolle um eine optimalen Ausdruck zu erhalten. Sich ausschliesslich auf das Gehen zu konzentrieren, wäre eher kontraproduktiv, da dabei nur ein Teil des Taiji Aspektes berücksichtigt wird.

Anforderungen wie das Sinken, Verbundenheit mit dem Boden, ausgerichtete Körperstruktur und Bewusstsein in der Bewegung (nicht nur Gehen) ist stetiger Bestandteil des Training in allen Methoden des Taiji. Elementar dabei ist, innere Qualitäten und Bewegungsprinzipien zu verfeinern, wie zum Beispiel die Fersenkraft. Das Gehen ist dabei lediglich eine sichtbare Ausdrucksform dieser Arbeit. Wenn die Grundlagen stimmen, ergibt sich das richtige Gehen von selbst.

Gehen ist komplex

Der ganze Fortbewegungsprozess eines Menschen ist eine komplexe Angelegenheit. Von der Balance, dem Zusammenspiel der Muskeln bis zu den Augen sind viele einzelne Komponenten gleichzeitig involviert. Darum erhalten in unserem Stil Gehbewegungen erst nach dem erlernen der Grundlagen mehr Gewicht. In den Seidenübungen zum Beispiel, widmen wir uns dem Laufen erst, wenn alle Kreise verinnerlicht und die Taiji Anforderungen verstanden wurden. Ganz nach dem Motto "Basics first". Bewusstes Gehen umzusetzen ist dann keine grosse Sache mehr, wenn die Grundlagen stimmen.

Oft wird mit Taiji Walking eine sehr schnelle Verbesserung prophezeit, einige KI generierte Werbevideos versprechen sogar, dass in 7 Tagen ein Muskelbepackter Body entsteht (diese sind aber witzig zum anschauen). Leider benötigt auch dies seine Zeit, weil es oft schwierig ist Verhaltensmuster zu ändern, welche sich über einen grösseren Zeitraum eingeschlichen haben.

Der Drill Aspekt

Im Taiji Training ist das mehrmalige Repetieren kurzer Bewegungssequenzen, sogenannte Drills, mit beiden Körperseiten ein bedeutendes Element um den innneren verbundenen Kraftpfad zu entwickeln. Es ist auch für die Verbesserung der kämpferischen Fähigkeiten ein wichtiges Tool. Taiji Walking, wenn mit einer Oberkörperbewegung ausgeführt, würde ich eher in dieser Kategorie sehen, da nicht ein ganzes Taiji Formelement (mehrere zusammenhängende Bewegungen) trainiert wird. Auch hier ist gut erkennbar, dass Taiji Walking nur ein Teil vom grossen ganzen ist.

Schlusswort

Das Gehen ist ein Kapitel des Taiji Weg, aber nicht der Kern des ganzen, weil dadurch einiges dieser Kunst verloren gehen würde. Ohne Gehen klappt es aber auch nicht, darum sollte es schon auch seinen Platz im Training haben und eine gewisse Aufmerksamkeit erhalten. Auch wenn man nicht am ganzen Spektrum von Taiji interessiert ist, ist Taiji Walking sicherlich eine hervorragende Methode um mehr Bewusstsein in sein Leben zu bringen und die Gangqualität zu verbessern. Es kann auch die Neugier auf das ganz Taiji System wecken, was mich persönlich sehr freuen würde.