Die meisten Bewegungen im Taiji enden in der Hand, unabhängig davon, ob die intentionale Kraft schiebend, drückend, pressend oder auf andere Weise gerichtet ist. Für eine verbundene und durchgängige Bewegung ist es wichtig, dass die Gelenke offen und entspannt bleiben, vor allem beim Handgelenk, weil es den Bewegungsfluss bis zu den Fingern unterstützt.
Damit eine Bewegung kraftvoll in der Hand ankommt, benötigt es ein Zusammenspiel verschiedener Komponenten. Am Anfang steht die Intention, was will ich überhaupt mit der Bewegung ausdrücken? Dann wird der Körper so ausgerichtet, dass keine unnötigen Verspannungen die Bewegung dezimieren. Am Schluss ist dann die Bewegung selber dran, welche über ein optimales Zusammenspiel der Muskeln entsteht, die ihren Anfang in den Füssen hat, über das Zentrum geht und in der Hand endet. Genau das wird im Taiji Training immer mehr verfeinert. Wir geben Acht auf die Körperstruktur, Erdung, Augen, manchmal auch Atem, den äusseren drei Harmonien, etc. nur das Handgelenk bleibt oft aussen vor. Warum eigentlich und wie integrieren wir es nun optimal?
Das angespannte Handgelenk
Wir benutzen unsere Hände unzählige Male im Alltag und nehmen dabei kaum wahr, wie komplex die dafür nötigen Bewegungsabläufe sind. Angespannte Finger können die Funktion der Hand erheblich beeinträchtigen. Deshalb gilt auch hier: Je entspannter die Muskulatur, desto besser kann die Hand arbeiten. Häufig kaschieren angespannte Finger jedoch ein steifes oder eingeschränkt bewegliches Handgelenk, was auf Stress im Alltag zurückzuführen ist. Dies kann sich beispielsweise bei einer Sehnenscheidenentzündung bemerkbar machen, wenn über längere Zeit zu viel Spannung auf Sehnen und Gewebe durch Überlastung wirkt.
Als bei mir der Prozess startete und sich das Handgelenk anfing permanent zu entspannen und öffnen, hatte ich ein kribbeln über längere Zeit, welches oft auch etwas unangenehm war. Dabei merkte ich erst, wie angespannt ich über Jahre hinweg war.

Schritte zum Öffnen
Um ein Handgelenk wieder zu öffnen und durchlässig zu machen wird Zeit benötigt. Es geschieht nicht von heute auf Morgen und erfordert aktives loslassen. Wenn mit fortlaufendem Training ein kribbeln, wärme oder ein sonstiges neues Gefühl entsteht, dann öffnet sich das Handgelenk langsam. Diesen Zustand gilt es permanent herzustellen und im Alltag beizubehalten. Im Taiji Unterricht gehen wir dieses Thema mit verschiedenen Methoden an um nachhaltiges entspannen zu erreichen.
1. Fokus im Stehen
In der stehenden Säule richten wir den Fokus auf das Handgelenk. Dabei stellt man sich vor, dass die Fingerkuppen leicht nach vorne ziehen und der Ellenbogen nach hinten. Dadurch erreichen wir ein Öffnen und Dehnen im Handgelenk. Bei längerem Stehen ist dies essenziell, da schnell eine Anspannung im Handgelenk, Ellenbogen und Schulter entstehen kann und ein bewusstes "in die Weite gehen" wichtig ist.
2. Stabilität-Tests über die Hand
Im Training nehmen wir immer wieder einzelne Positionen ein und halten in diesen Inne um die Körperstruktur auszurichten. Dabei gebe ich oft ein wenig Druck auf die Hand aus der Richtung von welcher die Gegenkraft kommt um den Kraftpfad zu verstehen. So bemerkt der oder die Übende, schnell wo die Gelenke nicht offen sind und die Verbundenheit reduziert oder sogar unterbrochen wird. Da verstehen beide Parteien schnell wie es um das Handgelenk steht.

3. Aktivität in der Bewegung
Die Hände sollten im Taiji aktiv und natürlich sein und nicht lediglich als Verlängerung des Unterarms wahrgenommen werden. Bei der Ausführung einer Bewegung ist es hilfreich, sich bewusst zu machen, wo und wie die Kraft über die Hand austritt. Dadurch kann das Handgelenk die Kraftübertragung in die Hand hinein frei und ohne unnötige Spannung ermöglichen, anstatt den Bewegungsfluss zu bremsen. Da viele Bewegungen im Taiji spiralförmig verlaufen, spielt die aktive Einbindung der Hände eine wichtige Rolle. Sie vervollständigen die Bewegung und unterstützen eine klare, durchgängige Verbindung vom Körperzentrum bis in die Fingerspitzen.
Das "leere" Handzentrum
Noch schnell en paar Worte zur Hand. Für ein entspanntes aber aktives Handgelenk ist ein Handzentrum wichtig, das keine übermässige Dehnung aufweist. Es sollte gehöhlt sein, dabei hat der Handrücken eine leichte expansion nach aussen. Dies wird oft als Dachziegel (Wǎ 瓦 ) Hand illustriert und ist eine Grundstruktur der Hand, welche oft in den Bewegungen beibehalten wird.
Ein zentraler Aspekt dabei sind die Finger. Sie sollten weder zusammengepresst noch steif gehalten werden, sondern mit einem kleinen, natürlichen Abstand zueinander geführt werden. Auch der Daumen bleibt entspannt und wird nicht abgespreizt. Diese Handhaltung fördert die Offenheit der Gelenke und unterstützt eine durchgängige Verbindung im Bewegungsablauf mit einer maximalen Flexibilität. Ein gutes Beispiel dafür zeigt das Titelbild dieses Beitrags. In diesem Link, aus dem kleinen Rahmen, wird das Thema eingehender behandelt und ist das Lesen wert.

Schlusswort
Das übergeordnete Ziel ist eine verbundene Bewegung bis in die Hand zu erreichen, bei welcher der Kraftpfad zusammenhängend von den Füssen bis in die Hand geht. Dadurch wird ein wichtiger Aspekt der aktiven Entspannung im Taiji erreicht, das Handgelenk ist dabei ein wichtiges Bindeglied und Bestandteil der gesamten Theorie und der praktischen Ausführung.
