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Training in Mongolia

Jeder Mensch hat verschiedene Beweggründe warum sie oder er sich für Taijiquan interessieren. Einige suchen was um den Alltagsstress auszugleichen, andere wegen der Gesundheit oder weil man die Kungfu Filme liebt, wo die Alten mit ihren langen Bärten mit Geschmeidigkeit jeden Gegner besiegen. Hat man sich überwunden mal bei einem Schnupperkurs mitzumachen, wird recht schnell klar ob Taiji (lasse ab jetzt das quan weg) was für einen ist oder nicht. Wenn der Entschluss gefasst wurde Taiji weiterzuverfolgen beschreitet man einen Weg der von Fortschritt, Umwegen, Hindernissen und neuen Erkenntnissen geebnet ist.

In diesem Blog Post möchte ich nicht auf die Levels der Taiji Fähigkeiten eingehen, da jeder Stil und Abstammungslinie seine eigene Version hat. Vielmehr geht es mir darum die verschiedene Phasen des Taiji Fortschrittes zu erläutern, die ich bei mir und anderen beobachtet habe.

Basis aneignen

Als erstes werden die Basisübungen und eine Form des Stiles im gemeinsamen Gruppen-Unterricht gelernt. Alles ist neu und aufregend vielleicht auch kompliziert. Man trainiert dabei fast nur gemeinsam mit Gleichgesinnten bei einem Lehrer, was wahrscheinlich etwa ein bis zwei mal pro Woche ist. Vielleicht werden zwischendurch die Elemente auch mal alleine zu Hause geübt, dass sie nicht vergessen gehen. Dieser Prozessschritt nenne ich Memorisieren. In erster Linie geht es darum ein Gefühl für den eigenen Körper und den neuen Bewegungen zu entwickeln. Irgendwie ist jetzt schon klar, dass hier etwas Nachhaltiges geschaffen wird.

Verflechtung mit dem Alltag

Mit der Zeit entwickelt sich ein immer tieferes Bewusstsein für den eigenen Körper und vor allem der Körperstruktur. Dabei erwischt man sich zwischendurch wie Überprüfungen von sich selber vorgenommen werden. Zum Beispiel wird die Haltung beim Zähne putzen korrigiert oder versucht, seine Muskeln in hitzigen Diskussionen zu entspannen. Hier spreche ich vom Veränderungs-Prozessschritt. Es wird auch zwischendurch für sich alleine trainiert um das gute Gefühl nach dem Training herzustellen. Was auch vorkommen kann ist, dass ein Trainingsblock fest in den Alltag eingebaut wird, zum Beispiel vor dem Frühstück oder nach der Arbeit.

In dieser Phase hören leider viele auch wieder auf, weil man merkt, es sind tiefgreifende Veränderungen im Anmarsch. Es benötigt auch einiges an Aufwand und Loslassen um die verschiedenen körperlichen, seelischen und geistigen Verspannungen zu lösen, welche sich in den Jahren angehäuft haben. Nicht jeder ist bereit sich diesen Herausforderungen zu stellen. Es ist oft einfacher so weiter zu machen wie bisher. Auf diejenigen, die dem Taiji treu bleiben, wartet ein spannender Lebensweg.

Intensität nimmt zu

Die Erhöhung der Anzahl Trainingstunden ist oft schleichend. Es wird vermehrt zu Hause und in längeren Einheiten trainiert. Es kommt schon mal vor, dass 2 Stunden um sind, ohne dass auf die Uhr geschaut wurde. Oft hat man die ganze Langform oder mehrere Kurz- und/oder Waffenformen durch. Ohne all zu viel nachzudenken ist es nun möglich diese auch alleine zu laufen. Den Abschnitt bezeichne ich den Integrativen Prozessschritt. Das Interesse steigt immer mehr und man fängt an sich mit den theoretischen Aspekten auseinander zu setzten. Das Training ist kein Muss mehr, es wird gerne Zeit in Taiji investiert.

Training in Chenjiagou

Abflachung

Was viele nach einer intensiveren Phase mal durchmachen, ist dass über einen längeren Zeitraum nichts mehr passiert. Es fühlt sich an als wenn man jetzt Taiji kann aber im Unterbewusstsein weiss, dass da noch mehr ist, den Zugang jedoch nicht so recht findet. Andere Aspekte des Lebens erhalten wieder eine höhere Priorität, welche vernachlässigt wurden. Das Interesse am Taiji nimmt ab. Diesen Abschnitt beschreibe ich als den Orientierungs Prozessschritt.

Oft werden neue Hand- und/oder Waffenformen gelernt, irgendwie wird versucht am Ball zu bleiben. Aber die Motivation sinkt und die Trainingszeiten nehmen ab. Dies ist ein entscheidender Punkt im Taiji Prozess. Über längere Zeit setzt man sich mit Langeweile oder sogar Frustration auseinander. In dieser Phase verändern sich einige Dinge ohne, dass man es gross mitbekommt. Es gilt diesen Abschnitt durchzuhalten.

Das Taiji im Leben

Mittlerweile hat das Taiji einen festen Platz im Leben eingenommen und der Weg zeichnet sich immer klarer ab. Man will richtig in die Materie eintauchen. Oft wird für sich alleine trainiert, die Unterrichtsstunden werden immer weniger, weil es nun in kleineren Schritten vorwärts geht und mehr Zeit für die Umsetzung des Inputs gebraucht wird. Es könnte den ganzen Tag lang trainiert werden. Diese Phase bezeichne ich als den Umwandlungs-Prozessschritt.

In der gleichen Zeit entsteht auch ein Wandel im Alltag. Dinge und Gewohnheiten die einem nicht mehr gut tun werden bewusst reduziert und es entsteht eine starke Bindung zwischen Geist und Körper. Ein leben ohne Taiji ist nun undenkbar. Der Grund warum mit Taiji angefangen wurde ist nicht mehr wichtig, es wird des Taiji wegens trainiert. Alles ist jetzt möglich.

Schlusswort

Ich bin mir schon bewusst, dass diese Phasen nicht auf alle zutreffen, es noch andere gibt oder auch mehrmals auftreten können. Jeder geht seinen eigenen Weg und die Entwicklung läuft nicht nach dem selben Muster ab. Auch habe ich keine Zeitrahmen hingeschrieben weil jeder Trainierende seinen eigenen Lebensrhythmus hat und die aktuellen Lebensumständen auch noch grossen Einfluss haben. Vielleicht jedoch findest du dich hier irgendwo wieder und es kann helfen, um dich besser zu orientieren.